Der preisgekrönte Dokumentarfilm „urgewald: Auf den Spuren des Geldes“ erzählt die Geschichte von urgewald. Er zeigt, wie vor gut 30 Jahren eine Hand voll Aktivist*innen an einem WG-Tisch den Grundstein für den Erfolg legten. Und, wie urgewald von einem kleinen Verein zu einer schlagkräftigen Organisation gewachsen ist.
Das Universum-Kino zeigt den Film am Montag, 7.4.um 19:00 Uhr. Anschließend gibt es ein Filmgespräch mit Regisseurin Karin Wejdling und urgewald.
Wenn Natur zerstört, Klimaziele missachtet und Menschenrechte gebrochen werden, stehen dahinter stets Verantwortliche in Politik und Unternehmen – und viel Geld. Seit 1992 offenbart die Umwelt- und Menschenrechtsorganisation mit Sitz in Sassenberg die Geldquellen hinter zerstörerischen Projekten. Die Arbeit der NGO bewirkt ein Umdenken bei Banken und Konzernen.
Im Film sprechen Wegbegleiter*innen wie Jürgen Trittin, Claudia Kemfert und Luisa Neubauer über die Erfolge und die Bedeutung der NGO. Die Dokumentation wurde beim Fünf Seen Filmfestival mit dem Horizonte-Filmpreis geehrt.
„Die Leistung von urgewald ist es, immer wieder Licht ins Dunkel zu bringen, wie wirklich ökonomische Entscheidungen getroffen werden“, sagt Ole von Uexküll im Film, der Direktor der Stockholmer Right Livelihood Award Stiftung, die den so genannten „Alternativen Nobelpreis“ vergibt. Solche Recherchen seien eine Grundlage für demokratische Kontrolle.
urgewald ist inzwischen regelmäßiger Gast auf den UN-Klimakonferenzen. Dort stellen die urgewald-Mitarbeiter*innen neueste Erkenntnisse aus ihren Recherchen zur fossilen Industrie vor – diese Recherchen offenbaren, wie uns Unternehmen aus den Branchen Kohle, Öl und Gas mit ihren Expansionsplänen immer tiefer in die Klimakrise hineintreiben. Ein Beispiel ist die neueste Großrecherche von urgewald, die Global Oil & Gas Exit List – die umfangreichste öffentlich zugängliche Datenbank zur globalen Öl- und Gasindustrie. Sie zeigt, dass fast alle Förderunternehmen der Branche derzeit dabei sind neue fossile Quellen anzuzapfen.
Das besondere Rezept im Kampf gegen Missstände für Umwelt und Menschenrechte war von Beginn an die Arbeit mit überzeugenden Fakten zu den Geldgebern zerstörerischer Vorhaben. Das Offenlegen von Finanzströmen, dies wurde zum einzigartigen Markenkern der jungen NGO urgewald: „Follow the money“.
Mit dem Erfolg wuchs auch die Organisation. Im Jahr 2002 eröffnete urgewald ein Büro in Berlin, im Jahr 2007 bezogen die Mitarbeiter*innen in Sassenberg die frisch renovierte Zentrale. Doch urgewald erlebte auch Krisenjahre. Als mehrere Stiftungen ihre Finanzierung einstellten, verzichteten die Mitarbeiter*innen auf einen Teil ihrer Gehälter, damit urgewald weitermachen konnte. Die Organisation überstand die Krise, neue Spender*innen kamen hinzu und die Finanzlage stabilisierte sich.
Wichtiger Teil von urgewald sind heute auch Verbraucher*innenkampagnen. Hier geht es nicht darum, Konzerne oder Politik zu bewegen, sondern Menschen „auf der Straße“: Sie können zum Beispiel mit der Entscheidung für eine ethisch orientierte Bank oder einen Ökostromanbieter einen Unterschied machen und Druck ausüben.
Zum wiederkehrenden Ritual ist bei urgewald der Besuch von Konzern-Hauptversammlungen geworden. Vor den versammelten Aktionär*innen übt urgewald, gemeinsam mit Betroffenen aus dem Ausland, dann Kritik an zerstörerischen Geschäften des jeweiligen Unternehmens – seien es Energiekonzerne wie RWE, Banken wie die Deutsche Bank oder Versicherer wie die Allianz. Dies ist ein wichtiges Instrument im Werkzeugkasten von urgewald, um den öffentlichen Druck auf die Verantwortlichen zu erhöhen. Während diese Briefe auch mal ignorieren können, müssen sie während der Hauptversammlung auf offener Bühne Rede und Antwort stehen – auch zu unangenehmen Fragen.
Sehr wichtig sind dabei die Redebeiträge der Menschen, die direkt von den Geschäften der Unternehmen betroffen sind. Einer davon ist Branislav Kapetanovic, ein früherer Minenräumer aus Serbien. Er hat beim Einsatz durch Streumunition Arme und Beine verloren – und setzt sich seitdem für ein Verbot dieser besonders perfiden Waffengattung ein. Im Jahr 2011 hielt er eine Rede bei der Hauptversammlung der Deutschen Bank, die sich damals weigerte die Finanzierung von Streumunition zu beenden.
Einer der wichtigsten Meilensteine von urgewald in jüngerer Zeit ist die weitgehende Abkehr des mächtigen Norwegischen Pensionsfonds, einer der größten Staatsfonds der Welt, vom Klimakiller Kohle. Ein Schlüsselmoment der Kampagne war eine Anhörung von urgewald-Mitarbeiter*innen zusammen mit Partner*innen aus Kohle-betroffenen Ländern vor dem norwegischen Parlament. Die Gäste aus aller Welt führten den Parlamentarier*innen vor Augen, wie stark die Kohleunternehmen, in die ihr Pensionsfonds investiert war, vor Ort die Umwelt zerstören und die Gesundheit der Menschen gefährden. Die Bilder von vergifteten Flüssen, verpesteter Luft und verwüsteten Landschaften beeindruckten die Entscheidungsträger*innen in Norwegen tief.
Die dafür nötigen Finanzdaten hatte urgewald in kleinteiliger, fünfmonatiger Recherche erarbeitet, bei der die Mitarbeiter*innen die rund 8.000 Firmen im Anlageportfolio des Pensionsfonds analysierten. Während die Verantwortlichen des Pensionsfonds der Meinung waren, sie seien kaum in Kohle investiert, belehrte urgewald sie auf Basis dieser Recherche eines Besseren: Tatsächlich hatte der Fonds Milliarden in diesen zerstörerischen Sektor investiert. Ein massiver Widerspruch zu den eigenen ethischen Standards des Fonds. Die urgewald-Erkenntnisse konnten das Norwegische Parlament überzeugen: Der Fonds führte im Juni 2015 neue Ausschlusskriterien ein, um große Kohlefirmen zu verbannen. Dazu gehörte auch RWE aus Deutschland.
urgewald stellte fest, dass es den Entscheidungsträger*innen des Pensionsfonds an Wissen gefehlt hatte, um Kohlefirmen als solche zu erkennen. Eine Wissenslücke, die, wie sich herausstellte, in der gesamten Finanzindustrie bestand. Aus dieser Erkenntnis erwuchs die Idee für eine noch viel umfassendere Datenbank: Eine Datenbank zu sämtlichen großen Kohlefirmen weltweit – um damit der Finanzindustrie erstmals ein effektives Werkzeug zum Ausstieg aus Kohle an die Hand zu geben: Die Global Coal Exit List. Agnes Dieckmann aus der Gründerinnen-Generation von urgewald sagt: „Wir machen schon manchmal Dinge, die sehen größenwahnsinnig aus. Aber man braucht diese Vision, dass wir Dinge wirklich verändern können. Warum sollte man von vornherein denken, es geht nicht? Lasst uns doch besser darüber nachdenken, was geht.“ Und so sagt nun selbst ein Finanzexperte von MSCI, einem der wichtigsten globalen Finanzdienstleister: „Wir haben bisher einen ganz großen Teil des Bildes in unserer Kohle-Politik übersehen.“ Durch urgewald konnten solche Finanz-Giganten Kohleunternehmen – vor allem solche, die Expansionsprojekte vorantreiben – erstmals klar erkennen und aus ihrem Geschäft ausschließen.
urgewald ist personell und strukturell stark gewachsen. Inzwischen beschäftigt urgewald zahlreiche junge Recherche- und Daten-Profis, vor allem im stark vergrößerten Berliner Büro. Insgesamt arbeiten derzeit rund 60 Menschen bei der Organisation. Den gewaltigen Wissensschatz aus 30 Jahren Kampagnenerfahrung möchte urgewald nun gezielt in die Welt tragen: In der neuen „Finance Campaigner School“ können Aktivist*innen aus aller Welt sich in Finanz-Kampagnenstrategien schulen lassen, um vor Ort ihr Wissen zum Schutz von Umwelt und Menschenrechten einzusetzen.
Klima-Aktivistin Luisa Neubauer sagt zusammenfassend zur Arbeit von urgewald: „Sie ist ein absoluter Game Changer. Wir könnten diejenigen, die alles geben, um noch den letzten Tropfen Öl aus dieser Welt rauszupressen, nicht kriegen, wenn wir nicht verstehen, wo die sind und was die genau machen wollen. Es ist urgewald, es ist Heffa, die das möglich machen, dass wir das verstehen. Und dann all dieses Wissen nutzen und losziehen und kämpfen.“
Fest steht: 30 Jahre nach der Gründung ist urgewald in neuer Größe schlagkräftiger denn je. Das Prinzip „Follow the money“ hat urgewald zum Hebel für Veränderung etabliert. Im Kampf für eine bessere Welt wird urgewald auch in Zukunft nicht lockerlassen.