{"id":1429,"date":"2021-02-11T21:11:18","date_gmt":"2021-02-11T21:11:18","guid":{"rendered":"https:\/\/fuerimmerfreitag.de\/?p=1429"},"modified":"2021-02-11T21:11:18","modified_gmt":"2021-02-11T21:11:18","slug":"das-buchen-urwald-projekt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fuerimmerfreitag.de\/?p=1429","title":{"rendered":"Das Buchen-Urwald-Projekt"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Innerhalb meiner Gro\u00dffamilie haben wir im letzten Jahr auf die sonst \u00fcblichen gegenseitigen Weihnachtsgeschenke verzichtet und stattdessen mit dem gesparten Geld gemeinsam 75 Quadratmeter Buchenurwald f\u00fcr 50 Jahre gepachtet. Ziel ist, den Wald durch solche Pachtungen nachhaltig vor kommerzieller Nutzung zu sch\u00fctzen. M\u00f6glich ist dies durch ein Projekt, das in der Waldakademie von Peter Wohlleben entwickelt wurde. Netterweise war der Natur- und Landschafts\u00f6kologe Patrick Esser, ein Mitarbeiter der Waldakademie, bereit, uns zu dem Buchen-Urwald-Projekt ein paar Fragen zu beantworten.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Herr Esser, k\u00f6nnen Sie vielleicht erst ein paar Worte zu sich selber sagen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie auch Peter Wohlleben bin ich bereits seit meiner fr\u00fchesten Kindheit von den vielen Wundern der Natur begeistert. Ganz besonders haben es mir dabei seit jeher B\u00e4ume angetan und so habe ich auch mein erstes Schulpraktikum bei einem F\u00f6rster verbracht. Inspiriert durch dieses Praktikum hat mich der Gedanke umgetrieben, wie man Nutzungsdruck von der Natur nehmen kann und wie unser Planet wieder lebendiger und wilder werden k\u00f6nnte. So habe ich mich f\u00fcr das Studium der Geographie in Bonn im Bachelor und im Master der Naturschutz- und Landschafts\u00f6kologie entschieden. Dem Wald bin ich dabei immer treu geblieben und habe z.B. meine beiden Abschlussarbeiten \u00fcber alte Buchenw\u00e4lder geschrieben. Dies war auch mein erster Kontakt zu Peter Wohlleben, der mich bei der Forschung unterst\u00fctzt hat.<\/p>\n<p>In der Waldakademie habe ich das gro\u00dfe Gl\u00fcck, mein Hobby zum Beruf zu machen. So kann ich bei der Durchf\u00fchrung unserer Veranstaltungen viel Zeit in der gro\u00dfartigen Natur meiner Heimat, der Eifel, verbringen und hoffe, etwas von meiner Begeisterung f\u00fcr den Wald unseren G\u00e4sten zu vermitteln. Ansonsten besch\u00e4ftigt mich vor allem unser Herzensprojekt, <strong>das Buchen-Urwald-Projekt<\/strong>. So begleite ich das wissenschaftliche Monitoring des Projektes, f\u00fchre Gespr\u00e4che mit potenziellen Unterst\u00fctzern oder Waldeigent\u00fcmern, die ihren Wald ebenfalls sch\u00fctzen m\u00f6chten.<\/p>\n<p><strong><em>Was ist eigentlich unter einer Waldakademie zu verstehen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Wir m\u00f6chten mit unserer Waldakademie dem Wald eine Stimme geben, die nicht von der Holznutzung, sondern von der Begeisterung f\u00fcr B\u00e4ume als Lebewesen und dem Wald als faszinierende Lebensgemeinschaft getragen wird. Unsere Begeisterung, aber auch unser Wissen \u00fcber den Wald geben wir in einer ganzen Vielzahl von verschiedenen Veranstaltungen weiter. So kann man sich z.B. von uns selber zu einem Waldf\u00fchrer ausbilden lassen oder einfach an einer Wanderung zu dem geheimen Leben der B\u00e4ume teilnehmen. Die meisten unserer Veranstaltungen werden von unserem Stammteam durchgef\u00fchrt. Zus\u00e4tzlich konnten wir verschiedene Experten f\u00fcr unsere Seminare gewinnen, wie z.B. Fr. Dr. Dorothee Killmann von der Universit\u00e4t Koblenz, die bei uns ein Seminar zu der faszinierenden Welt von Flechten und Moosen gestaltet. Die Waldakademie ist unabh\u00e4ngig von \u00f6ffentlichen Geldern und finanziert sich ausschlie\u00dflich aus den Einnahmen z.B. der Veranstaltungen.<\/p>\n<p><strong><em>W\u00fcrden Sie uns das Buchen-Urwald-Projekt vorstellen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Von Natur aus w\u00e4re Deutschland zu \u00fcber 90 Prozent von Wald bedeckt, der gr\u00f6\u00dfte Teil davon Buchen- oder Buche\/Eichen-Mischw\u00e4lder. Naturnahe Buchenw\u00e4lder sind jedoch sehr selten geworden und werden in aller Regel intensiv wirtschaftlich genutzt. So haben Buchenw\u00e4lder ab dem Alter 180 nur noch einen Anteil von 0,16 Prozent an der Landfl\u00e4che Deutschlands. Leider stehen diese wertvollen Reste der einst ausgedehnten Urw\u00e4lder bei uns nicht unter Schutz, sondern werden weiter abgeholzt. Dabei kommt Deutschland f\u00fcr den Schutz insbesondere der Buchenw\u00e4lder eigentlich eine ganz zentrale Rolle zu. So f\u00fchlt sich die Rotbuche in unserem heimischen Klima am wohlsten, nat\u00fcrlicherweise w\u00fcrden etwa 26 % des gesamten Weltbestands der Rotbuche hier bei uns in Deutschland wachsen. Deswegen hat die UNESCO die alten Buchenw\u00e4lder Deutschlands als UNESCO-Weltnaturerbe anerkannt.<\/p>\n<p>Genau hier setzt unser Buchen-Urwald-Projekt an. Wir m\u00f6chten nicht darauf warten, dass die Bundesregierung endlich ihrer Verantwortung nachkommt, sondern m\u00f6chten so viel wie m\u00f6glich der wenigen, noch intakten alten Buchenw\u00e4lder vor einem Holzeinschlag sch\u00fctzen. Da viele Kommunen oder private Waldbesitzer auf die Waldeinnahmen durch den Holzverkauf angewiesen sind, pachten wir die Waldfl\u00e4chen von ihnen. \u00dcber eine rechtsverbindliche Grundbucheintragung sowie einen Pachtvertrag stellen wir dann sicher, dass mindestens f\u00fcr die n\u00e4chsten 50 Jahre keinerlei Holznutzung mehr auf den Fl\u00e4chen stattfinden darf und der Wald einfach so wachsen kann, wie er will. Das Projekt finanziert sich auch hier ausschlie\u00dflich \u00fcber private Unterst\u00fctzung oder Firmen, die sich f\u00fcr den Naturschutz engagieren m\u00f6chten. Jede Person oder Gruppe, die das Projekt unterst\u00fctzen will, wird durch eine einmalige Zahlung f\u00fcr die n\u00e4chsten 50 Jahre tats\u00e4chlich zu einem Waldbesitzer, da die Pachtzahlung keine Spende ist, sondern eine tats\u00e4chliche Pacht.<\/p>\n<p><strong><em>Warum ist Urwald so wichtig f\u00fcr uns?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Wirklichen, vom Menschen unbeeinflussten Urwald gibt es in Deutschland aufgrund der dichten Besiedlung nicht mehr. Es gibt aber noch wenige W\u00e4lder mit altem Baumbestand, die einem Urwald wenigstens nahekommen. Diese k\u00f6nnten, wie bei unserem Projekt, wieder zum Urwald von morgen werden. Urw\u00e4lder in unseren Breiten sind eigentlich durch langw\u00e4hrende Stabilit\u00e4t gekennzeichnet, St\u00f6rungen in Form von Sturm oder Feuer sind ihnen fremd. Viele hochspezialisierte Tier- und Pflanzenarten haben sich auf solche dauerhaften W\u00e4lder eingestellt, so beherbergen Buchenw\u00e4lder im Schnitt etwa 20 % der gesamten Tierarten Mitteleuropas. Dabei sind die meisten auf besonders alte B\u00e4ume angewiesen; so kann etwa der seltene Mittelspecht Buchenw\u00e4lder erst ab einem Baumalter von 200 Jahren besiedeln. In Urw\u00e4ldern ist zudem Totholz mit etwa 20.000 Kubikmetern Holz pro Quadratkilometer vorhanden und wichtiger Lebensraum f\u00fcr 3.000 Insekten- und Pilzarten. Die effektive Wasserspeicherung im Totholz und das dichte, geschlossene Kronendach erm\u00f6glichen es Buchen-Urw\u00e4ldern, sich effektiv herunter zu k\u00fchlen. Vom Klimawandel sind intakte Naturw\u00e4lder daher deutlich weniger betroffen, als die vom Menschen stark gest\u00f6rten Wirtschaftsw\u00e4lder. Die meisten von uns d\u00fcrften diesen wohltuenden Effekt naturnaher W\u00e4lder schon selber bei einem Waldspaziergang im Sommer erfahren haben. W\u00e4lder k\u00fchlen sich nicht nur selber, sondern auch ihre n\u00e4here Umgebung wie z.B. unsere \u00fcberhitzten Innenst\u00e4dte.<\/p>\n<p>Neben diesem direkt k\u00fchlenden Effekt sind alte W\u00e4lder unsere wichtigsten Verb\u00fcndeten im Kampf gegen den Klimawandel. Urw\u00e4lder, wie auch naturnahe alte Laubw\u00e4lder speichern z.B. mindestens doppelt, teilweise dreimal so viel Kohlenstoff wie der durchschnittliche deutsche (Wirtschafts-)Wald. Je \u00e4lter und naturn\u00e4her W\u00e4lder werden, umso effektiver und dauerhafter speichern sie dieses Treibhausgas.<\/p>\n<p>Es gibt noch eine Vielzahl weiterer \u00d6kosystemdienstleistungen, die Urw\u00e4lder besonders effizient f\u00fcr uns erbringen. Nicht zuletzt sind sie ein wunderbarer Erlebnis- sowie Erholungsraum f\u00fcr uns Menschen und ein Ort, von dem wir ganz viel lernen k\u00f6nnen. Welche Antworten findet z.B. die Natur auf den Klimawandel? Mit ihrer jahrmillionenalten Erfahrung ist sie uns Menschen deutlich voraus. F\u00fcr mich pers\u00f6nlich gibt es tats\u00e4chlich nichts Sch\u00f6neres, als einen alten Buchenwald durch den Wechsel der Jahreszeiten zu begleiten.<\/p>\n<p><strong><em>Was k\u00f6nnen wir dar\u00fcber hinaus noch tun, um den Wald zu sch\u00fctzen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Alle W\u00e4lder sind durch einen stetig wachsenden Ressourcenverbrauch bedroht. Jeder kann durch seine eigenen Konsumentscheidungen zum Waldsch\u00fctzer werden. So gibt es zahlreiche Beispiele wie wir behutsamer mit dem wertvollen Rohstoff Holz umgehen k\u00f6nnen, damit W\u00e4lder wieder ungest\u00f6rter wachsen k\u00f6nnen. Mit dem Umstieg von einer Plastikt\u00fcte auf eine vermeintlich umweltfreundlichere Papiert\u00fcte z.B. schade ich der Umwelt mehr als ich ihr n\u00fctze. Eine langfristig genutzte Tragetasche aus Baumwolle hingegen hilft wirklich, Natur zu sch\u00fctzen und kann dabei sogar schick aussehen. Auch die Art und Weise wie ich mein Haus heize, kann massive Auswirkungen auf den Wald haben. Trotz seines umweltfreundlichen Images ist Holz z.B. der klimasch\u00e4dlichste Energietr\u00e4ger. Jeder Baumstamm, der im heimischen Kamin oder in Kraftwerken verfeuert wird, ist erstmal f\u00fcr viele Jahrzehnte als CO2-Speicher und als Lebensraum verloren. Leider hat die Holzlobby hier einen starken politischen Einfluss, so dass viele umweltbewusste Hauseigent\u00fcmer in den vergangenen Jahren falsch beraten wurden und werden.<\/p>\n<p><strong><em>Gibt es noch etwas, was Sie gerne loswerden wollen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Das Thema Waldschutz zeigt f\u00fcr mich besonders beeindruckend, dass Klimaschutz zwar Verzicht bedeuten kann, aber viel h\u00e4ufiger ein Gewinn f\u00fcr uns sein wird. Ich w\u00fcrde mich in jedem Fall sehr freuen, wenn ich zuk\u00fcnftig wieder an viel mehr Orten an einem hei\u00dfen Sommertag den k\u00fchlenden Schatten der im Wind sanft s\u00e4uselnden Baumriesen genie\u00dfen k\u00f6nnte und keine Motors\u00e4ge diesen Frieden st\u00f6rt.<\/p>\n<p>Weitere Infos unter: <a href=\"https:\/\/www.wohllebens-waldakademie.de\/urwaldprojekt\">https:\/\/www.wohllebens-waldakademie.de\/urwaldprojekt<\/a><\/p>\n<p>Foto mit freundlicher Genehmigung der Waldakademie Peter Wohlleben<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Innerhalb meiner Gro\u00dffamilie haben wir im letzten Jahr auf die sonst \u00fcblichen gegenseitigen Weihnachtsgeschenke verzichtet und stattdessen mit dem gesparten Geld gemeinsam 75 Quadratmeter Buchenurwald f\u00fcr 50 Jahre gepachtet. Ziel ist, den Wald durch solche Pachtungen nachhaltig vor kommerzieller Nutzung zu sch\u00fctzen. 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